Gemeinsam spielen

Gemeinsam spielen

VISUELLE STRUKTURIERUNG VON SPIELMATERIAL
NACH DEM TEACCH® - KONZEPT
Das kleine Gartenspiel

Abb. 1 Das kleine Gartenspiel

In diesem Beitrag wird ein

Spielmaterial aus der Perspektive der Handlungsplanung

betrachtet und eine autismussensible Modifizierung nach den Prinzipien des TEACCH-Konzeptes vorgeschlagen.

Dabei geht es hier vor allem darum, zu überlegen, wie die Kinder den Spielbeginn und das Spielende gut erfassen können oder wie sie die verschiedenen Einzelteile in einen Gesamtzusammenhang bringen.

Los geht’s!

1. Sich einen Überblick über die Einzelteile verschaffen

    1. Sich einen Überblick über die Einzelteile verschaffen

So viele Einzelteile ☹! Hier ist eine gute Vorstellung über das Ziel des Spieles (das Ergebnis) gefragt, um die „richtigen“ Teile zur „richten“ Zeit zusammenzubringen.
Diese Herausforderungen zeigen sich beispielsweise bei Puzzle-, Steck- oder Konstruktionsspielen …

Oft sind die Spielmaterialen nicht gut überschaubar und eine „Spielordnung“ lässt sich nicht ohne Weiteres so einfach erkennen. Dann kann es passieren, dass die Kinder sich dieser Art von Spiel erst garnicht zuwenden, sich von Details ablenken lassen oder es nach einem kurzen Start schnell wieder beenden.

Eine autismussensible Veränderung/ Strukturierung des Materials kann die Kinder dabei unterstützen, sich von einzelnen Details zu lösen und Gesamtzusammenhänge besser zu erfassen.

Man könnte auch sagen, es geht darum, den Kindern eine schnell erfassbare Spielanleitung durch eine visuelle Sprache zu vermitteln.

2. Zusammengehörende Teile ordnen

2. Zusammengehörende Teile ordnen

3. Auf Teile verzichten, die für den Spielspaß nicht unbedingt notwendig sind

Auf Teile verzichten, die beim Spielen nicht benötigt werden.

4. Zusätzliches Material für die Visualisierung und Verdeutlichung der Handlungsschritte bereitstellen

Visualisierungsmaterial

Einige dieser Materialien sind unter www.kleine-wege.de in der Versandkiste erhältlich.

5. Das Spielmaterial räumlich nach den Strukturierungsprinzipien des TEACCH®-Konzeptes anordnen und die einzelnen Handlungsschritte durch eine visuelle Ordnung verdeutlichen

Instruktionen
Gießen
Gießen
… alle Tüten sind ausgepackt und alle Blümchen eingepflanzt: Jetzt noch gießen …
Blumenbeet
Das kleine Gartenspiel
… und fertig ist das Blumenbeet.

… und vielleicht geht es dann hinaus in den Garten. 😊

Gießkannen

Gefunden bei © Pixabay 😊

 

Hier fehlt nur noch ein Fertigbereich und schon könnte das Kind seiner Leidenschaft für das Gießen der Pflanzen im Garten nachgehen und doch ein auch ein Ende finden:

1. Kanne nehmen
2. Wasser einfüllen
3. Pflanzen gießen
4. Leere Kanne in den Schuppen stellen (FERTIG)
5. Nächste Kanne nehmen …

Sind alle Kannen im Schuppen ist die Aktivität abgeschlossen und es folgt eine neue.

Linus, Papa und das Spiel mit den Zahlen

Linus, Papa und das Spiel mit den Zahlen

Geschichte 5

Linus, Papa und das Spiel mit den Zahlen
Visuelle Strukturen als Brücke zum nächsten Entwicklungsschritt

Obwohl Linus erst 4 Jahre alt ist, kennt er schon viele Zahlen. Er sagt diese sogar in mehreren Sprachen auf. Toll 😊. Wenn Linus Zahlen sagt, dann ist englisch, spanisch oder deutsch keine Schwierigkeit. Auch Fotos von Tieren oder Gegenständen in Büchern kann er benennen. Meist sitzt er dann allein mit seinem Buch auf dem Boden. An andere Menschen richtet Linus seine Sprache jedoch kaum. Er weiß noch nicht, warum und wie er seine Eltern rufen könnte.

Liegt Linus auf dem Boden und sein Vater setzt sich zu ihm, beginnt oft ein gemeinsames „Zahlenspiel“. Linus kennt die Regeln ganz genau. Immer sagt der Vater die erste Zahl. Linus antwortet mit „2“. Sagt Papa „3“, freut er sich über das Aufsagen der „4“. So geht es weiter bis zur 20, um dann wieder von vorn zu beginnen. Dieses Spiel könnte er immerzu, auf gleiche Art und Weise und mit großer Ausdauer in den verschiedenen Sprachen spielen. Auch der Vater spielt gern dieses Spiel mit seinem Sohn. Denn …

… Spielen ist auch für autistische Kinder eine wichtige Entwicklungsaufgabe.

 

Gern würde er seinem Sohn auch neue Spielideen geben. Seinen verbalen Vorschlägen und Erklärungen scheint Linus jedoch nicht folgen zu können.

Wie kann es gelingen, gemeinsam ein neues Spiel mit den Zahlen zu spielen?

 

Toll wäre es auch, wenn Linus das alte oder neue Zahlenspiel auch mit Mama, dem großen Bruder oder sogar mit den Kindern im Kindergarten spielen würde. Linus wäre dann der „Zahlenlehrer“ 😉. Ein schöner Gedanke.

Was braucht Linus, um das Spiel auch mit anderen Familienmitgliedern oder im Kindergarten zu spielen?

 

Seine Eltern beraten sich mit den anderen Eltern in der Elternschulung. Wer hat Erfahrungen? Wer hat Ideen?

Hier ist die gemeinsam gefundene Lösung (verkürzt!) beschrieben:

Zahlenspiel - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach

1. Der Vater legt 20 Steckbausteine in eine Schüssel. Er setzt sich zu Linus auf den Boden und das Spiel kann beginnen. „1“ startet der Vater, hebt dabei einen Baustein in Linus Blickfeld und steckt ihn auf die Grundplatte. Linus sagt „2“. Der Vater nimmt einen 2. Baustein und steckt ihn auf…. Versteht Linus sein Handeln? Beobachtet er die neue Regel? Steckt er vielleicht auch einen Baustein auf, so wie es der Vater tut? Es macht nichts, dass Linus noch nicht mitspielt.

 

Der Vater weiß, dass Linus Beobachtungszeit braucht.

2. Am nächsten Tag ist Linus neugierig. Er setzt sich auf sein Kissen, damit er alles besser sehen kann. Wieder steckt der Vater die Bausteine auf. Linus ist noch nicht so mutig. Vielleicht kann er das Hinschauen, Nachdenken, Sprechen und das Agieren mit den Armen nicht so schnell zusammenbringen?

Der Vater ist geduldig.

Zahlenspiel 3 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
Zahlenspiel 3 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
3. Heute hilft der große Bruder. Er sitzt hinter Linus und darf seine Hände führen. Linus mag seinen Bruder sehr. Als Linus die Zahl „4“ sagt, stecken sie gemeinsam den 4. Baustein auf den Turm.

 

PRIMA!

Zahlenspiel 4 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
Zahlenspiel 5 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach

4. Linus hat das Aufstecken verstanden. Es gelingt ihm immer besser, mit beiden Händen zu arbeiten. Das ist nicht so einfach. Sein Bruder ist ein wichtiger Helfer. Heute gibt es eine kleine neue Regel: Die Bausteinschüssel wird zwischen Vater und Linus hin und her gereicht. Auch hier ist der Bruder ein „unsichtbarer“ Helfer.

Beim Hin und Her geben der Schüssel fängt der Vater Linus Blick ein. In der Elternschulung wurde oft von den Möglichkeiten der Förderung von Kontakt und Interaktion im Familienalltag gesprochen. Blickfangspiele und Anstrahlen lassen sich gut im Alltag anwenden.

 

Der Vater strahlt Linus immer wieder an. Und manchmal lächelt Linus schon ein wenig zurück.

Zahlenspiel 6 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach

5. Den letzten Baustein steckt Linus auf. Fertig. So ein schöner großer Turm. Das Spiel ist zu Ende.

 

Für autistische Kinder ist es wichtig, den Beginn, das gemeinsame Tun und das Ende einer Handlung zu überblicken.

 

Deshalb fehlt noch etwas Wichtiges. Denn eine autismussensible Pädagogik zeigt sich vorallem darin, den Kindern Sicherheit und Orientierung zu geben. Visuelle Zeichen und Systeme haben dabei eine handlungsleitende und verhaltensregulierende Funktion (vgl. z.B. TEACCH®)

6. Das Material des neuen Zählspiels kommt in eine Kiste. An der Kiste ist eine Karte angebracht. Anhand dieser Karte soll Linus erkennen, welche Spielidee in der Kiste sein könnte.

 

Die Eltern nutzen Linus Interesse und Stärke für visuelle Details und wählen ein leuchtendes Gelb aus.

Linus entdeckt die Karte mit den aufgezeichneten Zahlenbausteinen sofort.

 

Durch diese Vorhersehbarkeit kann er sich viel besser auf eine Handlung einlassen. Und da der Vater nicht sofort spricht, darf Linus die Botschaft der Karte ganz allein „lesen“. PRIMA, Linus!

Zahlenspiel - Kiste Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
Zahlenspiel - Kiste 2 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
Zahlenspiel - Kiste 3 - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach

Linus hat gelernt, dass alle Menschen, die ihm die Kiste zeigen, gern mit ihm das Zahlenspiel spielen wollen.

 

Linus spielt es nun auch mit seiner Mama und mit den Kindern im Kindergarten.

 

7. Und wie kann Linus das Ende der Spielzeit erkennen? Sind alle Zahlen oft genug gesprochen und Zahlentürme in englischer, spanischer und deutscher Sprache aufgebaut wurden, ist es Zeit für das Ende. Alle Bausteine und die gelbe Karte kommen in die Kiste. FERTIG!

Zahlenspiel - Kiste - Fachberatung Autismus - Silke Schellbach
* In der Kiste waren später nicht nur rote Bausteine. Denn man kann dieses Spiel mit ganz vielen Sachen spielen, z. B. Zählen und dabei Fädelperlen auffädeln, Zählen und bei jeder Zahl einen Aufkleber aufkleben u. v. m. ….Aber das sind dann schon wieder andere „Einfache Geschichten“ 😉.
Welche Kompetenzen können bei diesem Spiel erworben werden? Mehr lesen
  • die Aufmerksamkeit teilen und gemeinsam handeln
  • sich auf eigene Initiative einer Spielhandlung zuwenden
  • Handlungsmotivation entwickeln (KAHM nach Schatz und Schellbach, 2008)
  • eigeninitiiert Blickkontakt aufnehmen
  • das Abwechseln üben
  • etwas festhalten und gezielt loslassen
  • Hilfe annehmen (Führen nach Affolter)
  • Zeit verstehen: Beginn und Ende einer Aktivität / JETZT und das Konzept FERTIG
  • Raumstrukturen erfahren (hier auf der Decke spielen wir)
  • mit beiden Händen arbeiten (Haltehand- Aktionshand) …

Und jetzt ….

                  …. sich gemeinsam freuen über diese großartige Leistung.

Alina und der gelbe Ball

Alina und der gelbe Ball

Geschichte 4

Alina und der gelbe Ball
Objekte als Übergangshilfe bei Situationswechseln
Alina (5 Jahre) konnte lange Zeit nicht in den Kindergarten gehen. Seit fast 7 Monaten sah sie ihre Erzieher*innen nicht. Sie konnte auch nicht mit ihren Freund*innen zusammensein. Sie war krank.
Nun ist es soweit. Alina darf wieder in den Kindergarten. Alle Kinder freuen sich auf sie. Die Eltern sorgen sich jedoch. Wird Alina „einfach so“ nach langer Zeit wieder in den Kindergarten gehen? Wechsel in ihren gewohnten Alltagsabläufen mag Alina überhaupt nicht.
Am Morgen sprechen die Eltern mit Alina. Ruhig und geduldig beschreiben sie, was es im Kindergarten alles zu entdecken gibt. Aber als sie später in die Straße zum Kindergarten einbiegen, beginnt Alina bitterlich zu weinen. Sie nimmt den Arm der Mutter und möchte umkehren.
Die Eltern nehmen ihre Tochter auf den Arm und tragen sie weinend bis zum Kindergarten. Alle sind hilflos und traurig: Alina, ihre Eltern, die Erzieher*innen und die Kinder, denn Alina kann sich nicht beruhigen.

Abb. 1 Während ihrer Krankheit sind Alinas Eltern täglich mit ihr zur Brücke gelaufen. Alina kennt den Weg genau. Sie freut sich auf den Fluss und möchte Steine hineinwerfen. Immer trägt sie ein paar davon in ihrer Tasche bei sich.

Wie können die Eltern Alina erklären, dass sie heute nicht zum Fluss, sondern zum Kindergarten gehen wollen?

Spiele-grüne-rote-Punkte

Abb. 2: Plötzlich biegen die Eltern mit Alina in die Kindergartenstraße ein. Jetzt wird Alina sehr wütend. Sie möchte doch zum Wasser gehen!

Wie können Eltern, Erzieher*innen und Alinas Freund*innen helfen, damit sie sich wieder auf den Kindergarten freut?

 

Das ist eine schwierige Frage, auf welche es keine einfache Antwort geben kann. Denn viele Stärken und Herausforderungen des Autismus werden in dieser Situation plötzlich sichtbar. So wird beispielsweise Alinas Stärke, sich Abläufe gut zu merken und diese auch beständig einzuhalten, jetzt zu einem Hindernis. Auch ihre Vorliebe sich an Details zu orientieren, hindert sie daran, die vielen Informationen der Eltern zu erfassen …

Alina und ihre Eltern erleben eine Krisensituation. Jedoch können in einer Krise neue Verhaltensweise nur schwer erlernt werden. Das kennt bestimmt jeder von sich selbst. Erlebt man Stress, weil z. B. etwas anderes geschieht als erwartet oder man zu viele Dinge erledigen muss oder weil man sich nicht richtig vorstellen kann, was in den nächsten Momenten passieren wird, oder weil wir vielleicht auch die Sprache der anderen nicht verstanden haben …, dann möchten wir uns doch auch am liebsten aus all dem Stress zurückziehen, weglaufen oder einfach laut rufen: „Ich will das jetzt nicht tun! Das ist mir alles zuviel!“. So wie Alina.

Die Eltern, die Bezugserzieherin und die Autismuspädagogin treffen sich zu einem kleinen Unterstützerkreis, um sich abzustimmen.

Fotos und Tasche mit Kreuz
Abb. 3: Ein kleiner Unterstützerkreis findet am Nachmittag im Kindergarten statt. Wie können alle zusammen eine „Brücke“ für Alina bauen, damit sie das Übergangshindernis überwinden kann?

Gemeinsam werden Beobachtungen und Vermutungen zusammengetragen. Die Unterstützer*innen möchten Alina verstehen, um die Situation autismussensibel zu verändern.

Familienmitglieder, die nicht mitspielen können.
Sie beschließen:

Eine gemeinsame positive Spielerfahrung soll Alina helfen, sich auf den Tag im Kindergarten zu freuen.

Alle Dinge, welche Alina mag, sollen in ein tägliches „Begrüßungsspiel“ eingebunden werden. Dieses Spiel soll für Alina eine Brücke in den Kindergartenalltag sein. Dabei wird beobachtet, mit welchen Objekten Alina besonders gern spielt. Eines davon soll ein Übergangsobjekt werden (Referenzobjekt).

Als Alina am nächsten Tag weinend an der Kindergartentür steht, wird sie von ihrer Erzieherin mit einem strahlenden Blick und einem „Spielkorb“ begrüßt. In der Fachberatung mit der Autismuspädagogin hatte sie schon viel über eine alltagsintegrierte Kontakt- und Interaktionsförderung erfahren. Sie weiß, das Anstrahlen ist ein bedeutsames Element 😊. Noch im Flur beginnt das Spiel. Es heißt: „Was rollt, springt, purzelt, plumpst … von oben nach unten?“ Die Erzieherin hat 2 Spielexperten mitgebracht. Akin und Sebastian wissen schon ganz genau, wie dieses Spiel geht und können Alina helfen.

 

Das Team der Spielgruppe:

Akin und Sebastian sind Spielexperten

Alina ist (noch) Spielanfängerin

Frau Schmidt
Führt durch das Spiel.

Kleiner Tipp: Dieses Vorgehen findet sich im Konzept der Integrierten Spielgruppen (IPG – Integrated Play Groups®) von Pamela Wolfberg (2019). Durch Methoden der geführten Teilnahme sind gemeinsame Spielerlebnisse von Spielanfängern und Spielexperten möglich. Ein sehr empfehlenswertes Modell 😊!

Abb. 4: Viele Ideen bringen die Spielexperten ein. Alina staunt und freut sich besonders über den hüpfenden gelben Ball. Der Treppenaufgang und eine schiefe Ebene werden zum Spielplatz. Immer wieder rollen und hüpfen Bälle, Walzen, Röhren, Strumpfbälle etc. nach unten.

Die Erzieherin beendet das Spiel, indem sie ein Lied zum Abschluss singt und ein Tuch über den Korb ausbreitet, nachdem alle Materialien wieder in diesem verwahrt sind. Alle hatten große Freude. Alle hatten beobachtet, dass Alina am liebsten die gelben Bälle aus dem Bällchenbad springen und hüpfen liess.

 

Alina bekommt ein „Kindergartenzeichen“.

 

 

 

Jetzt geht es in den Kindergarten.

Im Kindergarten wird der Ball ausgepackt und in den Spielkorb gelegt. Und nun startet wieder das gemeinsame Spiel. Geschafft! Das Spiel ist eine Brücke in den Kindergartentag geworden. Nun können die nächsten Schritte besprochen werden.

Abb. 5: Einige Zeit später ist aus dem Ball eine Objektkarte geworden, welche stellvertretend für den richtigen gelben Ball steht.

Liebe Leser*innen, dies ist natürlich nur eine Geschichte von vielen. Und vorallem ist es die Geschichte von Alina. Was ihr geholfen hat, hilft nicht allen Kindern. Aber vielleicht finden Sie auch ein Übergangsobjekt, mit welchem Ihr Kind eine schwierige Situation, ein Hindernis besser überwinden kann?

Ihre Silke Schellbach

Ein roter Faden – Unterstützerkreise als prozessbegleitende Beratung

Ein roter Faden – Unterstützerkreise als prozessbegleitende Beratung

EIN ROTER FADEN

UNTERSTÜTZERKREISE ALS PROZESS BEGLEITENDE BERATUNG
Die Herausforderungen im Zusammenhang mit Autismus sind oft sehr komplex. Jedoch ist nicht das autistische Kind, der Jugendliche oder Erwachsene herausfordernd! Die Herausforderung entsteht eher durch Situationen, die für autistische Menschen nicht optimal sind und deshalb zu Problemen führen. Hierin liegt eine große Chance für autistische Menschen und deren Unterstützer*innen.

Denn Situationen können sich meist verändern, wenn diese aus einer Unterstützungsperspektive heraus betrachtet werden.

Unterstützerkreise Schatz und Schellbach 2009
Dass Konzept der „Unterstützerkreise“ wurde von Yvette Schatz und mir vor einigen Jahren während unserer gemeinsamen Arbeit im Autismuszentrum KleineWege® entwickelt (Schatz und Schellbach 2009).

Ein Kerngedanke des Konzeptes ist, dass alle Unterstützer*innen, Familienangehörige, Fachpersonen und Nicht-Fachpersonen als auch das autistische Kind selbst, der Jugendliche oder Erwachsene in einem strukturierten Beratungskontext zusammenfinden, um ein personenzentriertes und familienorientiertes gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen.

Der „Unterstützerkreis“ entstand aus unserer wiederkehrenden Erfahrung heraus, dass autistische Menschen von vielen Fachpersonen und Unterstützer*innen mit medizinischen, therapeutischen, heil-, sonder- oder sozialpädagogischen Angeboten begleitet werden. Dabei wissen diese oft nicht ausreichend von den pädadogischen und therapeutischen Zielstellungen der anderen. Auch findet sich oft kaum Raum und Zeit für die Abstimmung der wesentlichen Zielstellungen nach familienbedeutsamen und lebensbedeutsamen Aspekten.

Eine Abstimmung ist auf Grund der stark ausgeprägten Übertragungsschwierigkeiten (Generalisierungsprobleme) autistischer Menschen besonders wichtig.

Der Kerngedanke des Unterstützerkreises soll hier kurz am Beispiel von Leo gezeigt werden:

Fachberatung Autismus Silke Schellbach - Küchenschrank-grüne-Punkte

Das ist Leo.

 

Er liebt jede Art von Fäden und hält diese gern in der Hand.
Seine Lieblingsfarbe ist rot.
Meist hält Leo den roten Faden in der Hand.

DER LEBENSWEG ALS ROTER FADEN

(Eigene Darstellung angelehnt an Schatz und Schellbach 2009, S. 12 -27)

Stellen wir uns den Lebensweg wie einen roten Faden vor: Es zeichnen sich schnell Ereignisse ab, welche alle Gleichaltrigen vereinen. Schon mit der Geburt des Kindes blicken wir auf den Kindergarten (weil wir hierzu eine Entscheidung treffen müssen) und bald wissen wir um die wohnortnahe Schule, denken vielleicht schon an Freizeitaktivitäten und Vereine, weil vielleicht in der Familie ein Hobby generationsübergreifend gepflegt wird. Und auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt nicht daran denken möchten, wissen wir, dass irgendwann eine Schule zu Ende ist und sich dann die Frage nach einer beruflichen Qualifikation stellt … Wir wissen auch, dass viele Menschen außerhalb der Familie wichtig für das Kind werden und wünschen uns, dass es möglichst viele Freunde finden wird.
So einfach, wie hier geschrieben, ist es natürlich für die meisten Menschen nicht.

VIELE HINDERNISSE* IN WECHSELWIRKUNG MIT DER UMWELT

* statt Hindernisse wird in der Fachliteratur oder in der Gesetzgebung eher der Begriff Barriere benutzt. Ich nutze oft lieber den Begriff Hindernis, da dieser die Be-Hinderung deutlicher macht.

Familien mit einem Kind, welches unter den Bedingungen des Autismus den roten Faden seines Lebens entdecken möchte, haben es häufig sehr schwer. Familie und Kind stehen vor enorm vielen Herausforderungen.

So sind beispielsweise die Teilhabe am Familienalltag, der Gemeinschaft und Bildung im Kindergarten oder der Schule für das Kind mit vielen Hindernissen verbunden.

Leo geht mehrmals in der Woche zu verschiedenen Therapien, um mit den Hindernissen besser klarzukommen.

Viele Menschen unterstützen ihn. Zum Beispiel …

Im Vergleich zu seinen Gleichaltrigen lernt Leo ganz schön viele „Zusatz- Etappen“ mit vielen zusätzlichen Personen auf seinem Lebensweg kennen.

HINDERNISSE ABBAUEN IST EINE GEMEINSAME AUFGABE

 

Diese Hindernisse zu bemerken und möglichst abzubauen, ist die Aufgabe von allen Unterstützer*innen. Das können Leo und seine Familie nicht allein schaffen. Dabei geht es vielleicht um solche Hindernisse: Wie kann das Anziehen am Morgen so strukturiert werden, dass die Handlungsfolge für das autistische Kind verständlicher ist und dieser morgendliche Prozess dann nicht mehr den Start in den Schultag behindert? Welche Voraussetzungen können in der Schulmensa ermöglicht werden, damit der Schüler ungehindert seine Mittagsmahlzeit einnehmen kann? Wie kann ein erwachsener junger Mann motiviert werden, sein I-Pad als Kommunikationsmittel auch außerhalb der WG zu benutzen? ….

DER UNTERSTÜTZERKREIS – UNTERSTÜTZUNGSMASSNAHMEN ABSTIMMEN

Im Unterstützerkreis bilden alle ein gemeinsames Arbeitsbündnis.

Jedoch geht es im Unterstützerkreis nicht darum, dass alle in ihrem Lebensalltag das Gleiche tun. Das fände Leo sicher sehr langweilig. Es soll vielmehr über das autismussensible Vorgehen bei der Auswahl von Hilfsmitteln, bei der Etablierung von bedeutsamen Strukturen, beim Gehen gemeinsamer Kommunikationswege, beim Lernen …. beraten und abgestimmt werden. Denn das größte Hindernisse für autistische Menschen ist es, wenn es in verschiedenen Lebenssituationen verschiedene Hilfen auf unterschiedlichen Kommunikations- und Abstraktionsebenen gibt.

Fehlende Absprachen zwischen den Familien, Fachleuten und Unterstützer*innen sind ein großes Hindernis für Menschen aus dem Autismusspektrum.

KOOPERATION UND AUSTAUSCH MINIMIERT SCHWIERIGE (PÄDAGOGISCHE) SITUATIONEN.

Wollen Sie mehr über Unterstützerkreise und darüber, wie man diese vorbereitet, durchführt und nachbereitet erfahren?
Nehmen Sie gern mit mir Kontakt auf.

Ihre Silke Schellbach

TIPP:

Wer sich vertiefen möchte, kann u. a. in dieser Fachliteratur stöbern:

 

  • Schatz, Yvette; Schellbach, Silke (2009): Unterstützerkreise. Nordhausen: Kleine Wege.
  • Schatz, Yvette; Schellbach, Silke (2015): Unterstützerkreis: In: Georg Theunissen, Wolfram Kulig, Vico Leuchte und Henriette Paetz (Hg.): Handlexikon Autismus-Spektrum. Schlüsselbegriffe aus Forschung, Theorie, Praxis und Betroffenen-Sicht. Stuttgart: Kohlhammer, S. 372-374.
  • Schellbach, Silke (2021): Heilpädagogische Förderung und Unterstützung bei Autismus. Die Balance zwischen Offenheit und Struktur bei der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum. In: heilpaedogik.de 36 (3), S. 17-22.
  • Theunissen, Georg; Sagrauske, Mieke (2019): Pädagogik bei Autismus. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer, S. 111-117.
  • Theunissen, Georg (2021): Basiswissen Autismus und komplexe Beeinträchtigungen. Lehrbuch für die Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und (Geistig-) Behindertenhilfe. Freiburg: Lambertus, S. 289.
AUS DER PRAXIS:

Fachberatung Autismus Silke Schellbach - Roter Koffer Die Temple – Grandin-Schule – Inklusive Schwerpunktschule mit dem Förderschwerpunkt Autismus – in Berlin Friedrichshain hat schon seit mehreren Jahren das Konzept des Unterstützerkreises in ihre schulische Praxis etabliert.

Ich freue mich darauf, am 03.05.2022 dort im Team zu sein und einen Workshop zum Thema zu gestalten.

 

Wer Lust hat, kann in der Schulkonzeption nachlesen. Nicht nur wegen der Unterstützerkreise lohnt sich ein Blick.

Abb. 1

 

Abb. 2

Abb. 1 u. 2. Unterstützerkreis in der Schulkonzeption (Senatsverwaltung Berlin 2014, S. 55-56)

Quelle:
Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Wissenschaft von Berlin (2014): Schulprogramm der Schule am Friedrichshain. Berlin, S. 55-56. Online zugänglich: https://www.temple-grandin-schule.de/wp-content/uploads/Schulprogramm-Temple-Grandin-Schule.pdf, letzter Zugriff: 30.04.2022

Farbige Punkte und ein rotes Kreuz

Farbige Punkte und ein rotes Kreuz

Geschichte 3

Visuelle Markierungen verdeutlichen eine Regel für das Zusammensein mit anderen
Farbige Punkte und ein rotes Kreuz
Jasper geht in die 3. Klasse der Grundschule. Er liebt jede Art von Gesellschaftsspielen, welche klare Regeln vorgeben. In der Schule findet sich oft wenig Zeit dafür. Nach seinen Hausaufgaben sucht Jaspar deshalb meist seinen Lieblingsspiele und möchte, dass alle Familienmitglieder mitspielen, welche gerade zu Hause sind. Jaspar scheint nicht zu verstehen, dass nicht immer alle Zeit dafür aufbringen können, nicht jeder gerade Lust hat oder einfach auch noch nicht alt genug für diese Spiele ist, wie seine kleine 2-jährige Schwester. Im Familienalltag bringt seine Spielleidenschaft Eltern und Geschwister oft zur Verzweiflung, denn Jaspar bleibt solange hartnäckig, bis ein Spiel beginnen kann. Eltern und Geschwister wünschen sich, dass Jaspar sich besser in die anderen hineinversetzt und akzeptiert, dass er auch einmal allein spielen kann.

1. Einen Wunsch als Ziel formulieren:

„Heute können wir nur das Spiel XY oder Z spielen. Bei diesem Spiel spielen folgende Familienmitglieder mit: ……….. .”

 

2. Überlegen, wie das erwartete „richtige” Verhalten verdeutlicht werden kann. Die neue Regel in einer positiven Sprache formulieren.
Um auf Jaspars Stimmungen gut eingehen zu können, ist es wichtig, dass er eine Spielauswahl treffen kann. Im Kinderzimmer ordnete die Mutter die Spiele in unterschiedliche Fächer ein und kennzeichnete die Bereiche mit S, M und L (small, middle, large).

Spiele-grüne-rote-Punkte

 „Wähle bis zu 3 Lieblingsspiele aus. Nimm aus jedem Fach nur 1 Spiel heraus. Bringe deine Auswahl zur ›Spielberatung‹ zum Küchentisch.”

 

Die Auswahl des Spieles für das passende Zeitfenster der Familie übernimmt ein Familienmitglied. Mit Hilfe der farbigen Punkte wird markiert, welche Spiele jetzt gespielt werden könnten und welche nicht.

Fachberatung Autismus Silke Schellbach - Grüner-Punkt 
 Der grüne Punkt verdeutlicht:

„Dieses Spiel können wir jetzt spielen!“

roter-punkt

 Der rote Punkt bedeutet:

„Das Spiel muss warten! Wir können es jetzt nicht spielen.”

Nachdem ein Spiel ausgewählt wurde, braucht Jaspar nun noch eine Unterstützung, um zu verstehen, dass nicht alle Anwesenden auch wirklich mitspielen können. Dafür wurden mit Jaspar Fotos der Familie gesucht, ausgeschnitten und auf Kärtchen geklebt. Alle anwesenden Familienmitgliederkärtchen (oder Gästekarten wie Oma und Opa) werden ausgebreitet. Diejenigen, welche mitspielen können, werden bleiben sichtbar. Alle anderen steckt Jaspar in die Tasche mit dem  Rotes-Kreuz .

 

Rotes-Kreuz „Wer in der Tasche steckt, spielt jetzt nicht mit!”

Fotos und Tasche mit Kreuz

3. Darüber beraten, wie Jaspar die neue Regel positiv erlernen kann.

Die Familie beschloss, diese Regel an einem Wochenende einzuführen und in einem «Familienrat» zu besprechen. Die Materialien (Fotos, Kärtchen, Punkte …) wurden vorher zusammengesucht.

4. Das Hilfsmittel in der konkreten Situation einführen und mit positiven Erfahrungen verbinden.

Eltern und Geschwistern spielten gemeinsam am Wochenende in verschiedenen Zeitabschnitten verschiedene Spiele nach dieser neuen Regel.

Familienmitglieder, die nicht mitspielen können.

Es gibt immer noch schwierige Tage, aber meistens kann sich Jaspar an die Regel halten. Rotes-Kreuz

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